Freitag, 19. Februar 2016

Meine 5 Minuten gehen diese Woche an... das Ich-selbst-sein-Paradoxon!

Gestern Morgen war ich beim Piercer. Ich wollte mir ein neues Schmuckteil kaufen, einfach zur Abwechslung. Hinter der Theke stand ein Typ, Mitte 20, den ich dort vorher noch nicht gesehen hatte. Ich ging hin, er begrüßte mich freundlich und fragte, was er für mich tun kann.
"Ich hätte gerne Schmuck. Für die Nase." Ich deutete auf mein Nasenpiercing. 
"Was für welchen denn?"
"Kein Klemmkugelring. Da hab ich Angst, dass ich ihn einatme."
Er kicherte, ich kicherte. 
"Dann versuch es mal damit." Er zeigte mir einen anderen Ring. 

Und plötzlich war die Stimmung flirty. Ich hab mir im ersten Moment nichts dabei gedacht, den Ring gekauft und bin dann weiter gegangen. Aber gestern Abend auf dem Heimweg fiel mir auf einmal etwas ein: Ich war ich selbst gewesen. Ich war direkt, verbal tollpatschig, nett. All das, was ich eben wirklich bin, aber sonst nicht in der Kombi rauslasse. Es war nicht irgendeine Fassade von mir. Deshalb war die Stimmung so schnell locker und flirty. Er fand mich sympathisch. Mir wurde auch ziemlich schnell klar, woran das lag: Ich hatte keinen Druck. Ich wollte und musste dem Typen nicht gefallen, er sollte mich nicht mögen (er war nicht einmal attraktiv). Ich wollte ein Piercing. Punkt. Und durch diese einfache Tatsache konnte ich so sein, wie ich eben bin. 

Umgekehrt bin ich, wenn ich jemanden kennen lerne und es um etwas geht, anders. Ich halte mich zurück, strecke meine Fühler aus, um zu erfahren, was die Person mag und dann verhalte ich mich entsprechend. Ich komme also nur zögerlich aus mir heraus und gebe mich so, wie es von mir erwartet wird, weil etwas auf dem Spiel steht: Die Beziehung zu dem neu kennen gelernten Menschen. Da packt man eben nicht all seine 15.000 Charakterfacetten auf einmal aus, sondern erst einmal nur ein paar. Die, die eben ziehen, die der Mensch mögen sollte. Oder sogar welche, die man eigentlich gar nicht hat.

Aber genau da entstehen die Probleme: Es kann nämlich passieren, dass der andere einen nur in der abgespeckten Version mag. Sobald man dann man selbst ist, ist man für den anderen vielleicht ein ganz anderer Mensch und das passt nicht mehr ins Bild. Es kann auch passieren, dass sich der andere verarscht vorkommt, wenn man irgendwann das Ich-selbst-sein anfängt. Weil man eben doch anders ist. Im schlimmsten Falle fängt man nie damit an, man selbst zu sein, denn man war es ja von Anfang an bei demjenigen nicht. Und dann baut die Freundschaft später auf einem Trugschluss auf, sodass man sich auch nie wirklich bei demjenigen wohlfühlen kann. Man ist ja immer jemand anderes in seiner Gegenwart. Das ist echt ein Problem, denn nicht umsonst heißt es: Freunde sind die Menschen, die dich mögen, obwohl sie dich kennen. Oder harmloser: Freunde sind diejenigen, die dich mögen, so wie du bist. 

Trotzdem ist es genauso schwierig, von Anfang an man selbst zu sein, obwohl es eigentlich nur Vorteile hat: Die Menschen mögen einen - oder eben nicht. Aber das ist ziemlich schnell geklärt, man verschwendet keine Zeit oder riskiert unnötig verletzte Gefühle. Außerdem ist die Chance gemocht zu werden umso höher, denn man fühlt sich wohler in seiner Haut und ist authentischer. Das wirkt. Der Haken an der Sache: Wenn man "Gemocht-werden-wollen" und "Man-selbst-sein" auf eine Waage legen würde, wäre ersteres bei den meisten schwerer. Zum einen hat man immer im Hinterkopf, dass man immer noch mehr von sich zeigen kann. Zum anderen ist das Bedürfnis, von anderen akzeptiert zu werden, immens hoch. Da nimmt man auch mal ein bisschen Verstellen in Kauf. Ganz egal, wie oft man sich einredet, man selbst sein würde vieles leichter machen. 

Mein Tipp dazu wäre eigentlich: Seid einfach mehr ihr selbst. Ich werd's auch versuchen. Aber den kann ich euch nicht geben, denn ich schaff es selbst nicht. Weil es einfach sau schwer ist, den Leuten von Anfang an sein "wahres Ich" zu zeigen. Das macht zwar vieles einfacher - aber es macht auch verletzlich. Und das ist echt nicht angenehm. 

Also, denkt doch einfach mal drüber nach und versucht wenigstens, wenn ihr Leute kennen lernt, darauf zu achten, ob ihr spielt oder ob ihr ihr seid. 

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