Freitag, 30. September 2016

Meine 5 Minuten gehen diese Woche an... Touristen!

Tourist sein war und ist eigentlich etwas ganz Normales. Man ist im Ausland oder einer fremden Stadt, man ist dort also selbst fremd, man will diesen Ort aber entdecken und sieht sich deshalb auch die Sehenswürdigkeiten an. Ist nicht ungewöhnlich. Daran hat und wird sich nichts ändern.

Was sich allerdings geändert hat, ist die Einstellung Touristen gegenüber. Die sind inzwischen nämlich unbeliebt. Wer Tourist ist, könnte einem schließlich die Lieblingsbar "wegnehmen", der könnte den Ort, an dem man wohnt, überfüllen und einem den Parkplatz klauen. Deshalb werden Touristen oft von Einheimischen bei Weitem nicht mehr freundlich behandelt. Stattdessen fliegen giftige Blicke und man wird so richtig wie ein Fremder behandelt. Nur nicht gerade gastfreundlich.
Dabei war jeder von uns schon mal Tourist und weiß, dass es sich mies anfühlt, wenn man nicht erwünscht ist.


Annamartha  / pixelio.de
Das ist auch der Grund, warum mir Tourist sein peinlich geworden ist. Das heißt nicht, dass ich Reisen meide, sondern bloß, dass ich mir Mühe gebe, nicht als Tourist aufzufallen. Wobei das meistens gar nicht so leicht ist. Gerade wenn man sich Sehenswürdigkeiten anschaut, wird schnell klar, dass ich dort nicht wohne. Aber in der Stadt beim Bummeln oder in Bars versuche ich nicht, wie ein Neuankömmling alles cool und besonders zu finden. Ich gebe mir enorm mühe, lässig zu wirken. Damit die Einheimischen denken: Jup, die gehört zu uns, die lebt hier schon drei Jahre (mindestens).

In Hamburg und in London ist mir das sogar mal so gut gelungen, dass ich von Touristen für eine Einheimische gehalten wurde. In Hamburg wurde ich am Hafen angesprochen, wie man denn am besten zum Michel kommt. Kein Ding, konnte ich erklären. Zählt aber nicht ganz, denn ich bin oft in Hamburg und kenne mich wirklich an vielen Orten aus. Trotzdem war ich stolz wie Oscar. In London war das ungewöhnlicher. Dort wurde ich auch nach dem Weg gefragt und selbst als ich in fließendem, aber nicht britischem Englisch antwortete (nicht ganz ehrlich, aber lässig), dass ich hier in der Gegend nicht so oft bin und nur grob die Richtung sagte (die auch nicht wirklich stimmte...), hielt der Mensch mich weiterhin für eine Londonerin. Das hat gut getan.

Das Tarnen geht aber auch nur so lange, wie man die Sprache beherrscht. In Spanien oder in Rus
sland wäre das nicht drin. Mehr als Englisch und ein paar Brocken anderer Sprachen beherrsche ich nicht. Öffnet man den Mund, fällt man sofort auf. Und das ist mir richtig unangenehm.

Das sollte es aber nicht sein. Denn fürs Tourist sein muss man sich nicht schämen. Und wenn man abgewertet wird, sollte man kontern, statt sich zurück zu ziehen. In Salou, wo wir gerade in Urlaub waren, wurden wir an einer Restaurantmeile angequatscht, ob wir dort essen wollen. Wir haben höflich dankend abgelehnt, woraufhin wir direkt einen Stempel bekamen: "You are German, aren't you?" Klasse. Es klang auch noch richtig abwertend. Das war mir so peinlich, dass ich das deutsch sein leugnete, woraufhin er weiter riet (es wurde nicht besser), bis er sogar beleidigend wurde, weil wir nicht antworteten.

In Zukunft, habe ich beschlossen, bin ich einfach wieder ein stolzer Tourist. Der sich Sehenswürdigkeiten noch und nöcher ansieht, der sich für Sprachfauxpas nicht schämt und der gerne auf Besuch ist.  Denn ich finde das Anpassen und Schämen von uns Deutschen ziemlich devot. Wenn Touristen anderer Länder nach Deutschland kommen, bemühen sich die wenigsten, ein paar Brocken Deutsch zur Verständigung zu lernen. Stattdessen wird erwartet, dass wir uns anpassen und mindestens fließend Englisch beherrschen. Fliegen wir ins Ausland, erwartet man das aber auch. Da sollen wir die Sprache der anderen verstehen und reden können. Und die Kultur kennen, keine Fehler machen, uns unauffällig verhalten. Kein Problem, das krieg ich hin - aber eben ohne gesenkten Kopf.

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