Dienstag, 25. Oktober 2016

Meine 5 Minuten gehen diese Woche an... Nachbarn!

...oder warum ich Aversionen gegen Jazz und US-Fernsehen entwickelt habe!

Nachbarn könnten eigentlich das non-plus-ultra sein. Sympathisch, aber nicht zu aufdringlich. Hilfreich, aber nie penetrant. So stell ich mir das zumindest vor. In der Praxis sähe das dann so aus: Sie leihen mir Eier oder Mehl, wenn ich sonntags zu wenig Backutensilien Zuhause haben (ja, ich denke dabei unweigerlich an die Känguru-Trilogie). Sie grüßen mich freundlich im Flur und wir unterhalten uns kurz, aber herzlich. Sie passen auf Haustiere auf, wenn es mal nötig wird - und umgekehrt. Wenn ich eine Party feiere, warne ich sie vor und bitte um Verständnis. Und wenn sie besonders nett sind, trifft man sich mal auf ein Gläschen Wein - oder sie feiern direkt mit.

Im Prinzip sind Nachbarn also wie gute Bekannte, die glücklicherweise nebendran wohnen und die nicht zu viel fordern. Diese Vorstellung kommt bei mir nicht von ungefähr. Ich hatte nämlich in der Vergangenheit, was Nachbarn betrifft, immer Glück. Die Nachbarin, die während meiner Kindheit neben uns gewohnt hat, Frau Sofa, war nämlich ein Traum. Ich war ständig dort, habe mit ihr Karten gespielt, Kakao getrunken, Süßigkeiten gegessen und im Sommer manchmal auf der Veranda gesessen und geredet. Frau Sofa war für mich wie eine dritte Oma, so gerne war ich dort. Ich kannte mich in ihrem Haus auch komplett aus, und wenn sie etwas brauchte, aber es wegen ihrer Altersbeschwerden nicht mehr so schnell holen konnte, ging ich für sie. Ich war so oft dort, dass es meiner Mutter richtig peinlich war und sie regelmäßig fragte, ob das wirklich okay sei für Frau Sofa. Die wiederum fand das ganz gut. So war sie weniger alleine und wir verstanden uns ja immer super. Und wenn ihre Enkel mal dort waren, was nicht oft geschah, war ich total eifersüchtig. Schließlich sah ich Frau Sofa deutlich öfter als sie. Frau Sofa war eben meine Drittoma-Nachbarin.

Aber auch die Nachbarn auf der anderen Seite meines Elternhauses waren und sind super! Sie wohnen zwar erst seit fünf, sechs Jahren dort - vorher war an der Stelle ein großes Rapsfeld - aber auch sie haben sich gut eingelebt inzwischen. Es handelt sich um eine Baptistenfamilie, was man im Alltag selten merkt, außer dass sie sonntags oft stundenlang in der Kirche sind und neun Kinder haben. Sie bringen regelmäßig Kuchen vorbei, unterhalten sich ausgiebig mit meinen Eltern und man hilft sich gegenseitig, wo es geht.

Mit dieser Vorstellung bin ich also in die Welt gezogen. Naiv, aber optimistisch. Und so wurde ich auch auf den Boden der Tatsachen geholt. Das fing schon am ersten Abend in unserer jetzigen Wohnung an. Wir hatten gestrichen, kein einziges Möbelstück stand in den vier Wänden, außer einer Matratze, auf der wir schlafen wollten. Es war halb zehn, wir waren hundemüde - als auf einmal Jazz ertönte. Eine angenehme Art Jazz, ich mag (beziehungsweise mochte) Jazz nämlich. Nach fünf Minuten irritiertem Sortieren fanden wir den Ursprung: unsere Nachbarn. Die den Jazz so laut aufgedreht hatten, dass wir im anderen Ende unserer Wohnung, weit weg von ihnen, mit Hilfe von Shazam den Künstler hätten herausfinden können. Wir waren völlig entnervt. Um halb elf schliefen wir trotz Lärm endlich ein. Bis ich nachts um halb eins wieder wach wurde, weil die Musik noch immer so laut war.

Warum ich mich nicht beschwert habe? Weil ich nicht spießig rüber kommen wollte und wir uns nicht einmal kannten. Außerdem, dachte ich, gehen sie vielleicht davon aus, dass die Wohnung noch leer steht. Wäre ja möglich. Aber das war erst der Anfang.

Zwei Wochen später haben wir uns dann mal vorgestellt. Die Möbel standen endlich, nur noch wenige Kisten waren nicht ausgepackt, die Einweihungsparty sollte stattfinden. Und um eine gute Nachbarschaft einzuläuten, wollten wir unsere Nachbarn einladen. Wir klingelten und ein etwas verpeiltes, aber sehr freundlich wirkendes Pärchen machte auf. Hipster, definitiv. Es passte alterstechnisch echt gut. In mir keimte automatisch die Hoffnung auf, ein paar neue potentielle Freunde kennen zu lernen. Wir stellten uns vor, sie stellten sich vor und wir luden sie zum kommenden Wochenenende ein. Sie sagten zu. Wer kam an der Einweihungsparty natürlich nicht? Richtig, unsere Nachbarn. Und damit nahm eine ungemütliche Nachbarschaft ihren Lauf und meine Hoffnung verflüchtigte sich ins Nichts.


DieBibliothekarin  / pixelio.de
Regelmäßig, mindestens drei Mal pro Woche, schauen unsere Nachbarn nämlich US-Fernsehen. Es klingt absurd, aber nach allem, was wir in unserer Wohnung verstehen, muss es so etwas sein. Denn sie schauen den Kanal nicht auf Raumlautstärke, sondern so, als würde dort eine Omi Anfang 80 leben, die trotz Hörgerät kaum noch was versteht. Außerdem saugen sie gerne. So etwa täglich. Am liebsten nach neun Uhr abends und dann drei Stunden am Stück. Als hätte die imaginäre Omi auch noch einen Putzfimmel.

Die neuste Angewohnheit der beiden ist, den Müll in den Flur zu stellen. Den stinkenden, siffenden Müll. Da unsere Türen direkt nebeneinander liegen und wir, um zum Treppenhaus zu gelangen, direkt an ihrer Tür vorbei müssen, stinkt es natürlich alles voll und das ganze Treppenhaus müffelt. Da der Müll wohl auch tropft, finden sich über die kompletten Treppenstufen verteilt natürlich auch hässliche Müllflecken. Nur dass unsere Nachbarn sie nicht entfernen. Aber ich wollte mich noch immer nicht beschweren. Warum? Keine Ahnung. Angst vor Konfrontation vielleicht.

Doch die Messischaft unserer Nachbarn sollte einen Höhepunkt finden - und damit meinen guten Willen beenden. Ich kam aus der Stadt, ging die Treppenstufen hoch, schaute nicht auf den Boden und stolperte über ein riesiges, leeres Paket vor der Tür unserer Nachbarn. Müll. Ich hatte leider keine andere Option als Stolpern, denn das Paket belagerte den gesamten Flur. Mein Geduldsfaden platzte mit einem Knall. Ich lief sinnbildlich rot an, merkte die pulsierenden Adern an meinen Schläfen und: klingelte. Ich war so sauer, dass es raus musste und zwar bei den richtigen. Drinnen war definitiv jemand, das konnte ich hören. Sie redeten miteinander und der bescheuerte Fernseher übertrug mal wieder US-Shows. Aber selbst nach drei Mal klingeln machte keiner auf. Also stürmte ich in unsere Wohnung, holte ein Post-It und schrieb sehr deutlich, dass sich das mit dem Müll jetzt ändern muss. Das nervt. Und überhaupt. Es war wirklich ein richtig schöner Wut-It, den ich mit Tesa und ordentlich Wumms an ihre Tür heftete.

Eine Stunde später war der leere Karton verschwunden. Seitdem steht kein Müll mehr im Flur. Die Musik ist zwar immer mal wieder zu hören, aber nicht mehr so penetrant wie vorher. Und alles andere ist auch ein bisschen besser. Im Nachhinein echt ärgerlich, dass ich den Mund nicht aufgemacht habe, das hätte mir vermutlich Nerven gespart.

Jedenfalls ziehen wir bald eh aus, da macht mir sowohl das Ausrasten als auch das Ertragen weniger aus. Wozu jetzt noch nett bleiben? Das einzige, was mich noch sorgt, sind unsere neuen Nachbarn in der neuen Wohnung. Wer das wohl ist? Ich hoffe ja auf ein nettes, älteres, aber nicht steinaltes Ehepaar. Die immer Mehl und Eier Zuhause haben, freundlich grüßen, weil sie noch Manieren beigebracht bekommen haben, keine krassen Partys mehr feiern und grundsätzlich eine entspannte, rücksichtsvolle Art haben. Hach, wenn man so drüber nachdenkt, können Nachbarn ganz schön toll sein...

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