Mittwoch, 16. November 2016

Gehen statt bleiben: Neuanfänge!

Neuanfang. Ein Wort, bei dem irgendwie sofort das Kopfkino losgeht. Man sieht: Die weite Welt. Mutige Menschen, die abenteuerlustig in die Zukunft schauen. Nervenkitzel. Optimismus. Und man hat Respekt. So geht es mir zumindest. Wenn Menschen aus meinem Umfeld einen Neuanfang wagen, ziehe ich jedes Mal anerkennend meinen Hut. Ich empfinde für so etwas Bewunderung. Allerdings nur, solange ich selbst nicht neu anfangen muss.

Und wo steh ich heute? Vor einem riesigen Umzug in eine komplett neue Gegend, in der ich nur sehr wenige Menschen sehr flüchtig kenne, die mir überhaupt nicht vertraut ist und in der lauter neue Herausforderungen warten. Um es zusammen zu fassen: Jetzt bin ich diejenige aus meinem Freundeskreis, die den krassesten Neuanfang wagt. 

Interessanterweise haben meine beiden liebsten Musiker Clueso und Bosse erst kürzlich jeweils ein Lied über Neuanfänge veröffentlicht. Und zwar mit völlig anderen Sichtweisen. Cluesos Lied heißt, naheliegend, "Neuanfang", Bosses Lied "Wir nehmen uns mit". 

Hört es euch am besten mal an.

Clueso - Neuanfang
https://www.youtube.com/watch?v=dp5p8gMpBTg

Bosse - Wir nehmen uns mit
https://www.youtube.com/watch?v=3gPgt4gUjaY

So, weiter im Text. Beide Songs sind eigentlich ganz positiv. Nur eben auch ganz anders. Clueso freut sich über den Neuanfang und fiebert ihm entgegen. "Herzlich willkommen, Neufang." Kein Wunder, denn für sein neues Album hat er sich von Band und Manager getrennt, um etwas völlig Neues zu starten. Da sollte man Neuanfängen gegenüber aufgeschlossen sein. Wobei er vielleicht ja auch erst nachträglich gemerkt hat, dass so etwas schön sein kann. 

Bosse klingt zwar auch fröhlich, sagt aber das Gegenteil. Neuanfangen heißt Weglaufen. Nur dass das nicht funktioniert, denn wir bleiben immer noch derselbe Mensch mit unseren Päckchen, schleppen unsere Probleme auch woanders mit uns rum und sollten uns lieber mit uns selbst beschäftigen als woanders hinzugehen.

Ich stehe da standpunkttechnisch in der Mitte. Auf der einen Seite finde ich Neuanfänge spannend, mutig, interessant. Nur eben besonders dann, wenn andere es wagen. Eine Freundin machte ein Auslandssemester in Spanien, ein anderer Freund lebte sogar fast ein ganzes Jahr lang in Schottland. Das bewundere ich und ich flog auch gerne hin, um sie zu besuchen. Einen noch ungewöhnlicheren Weg hat eine andere Bekannte gewählt: Sie hat ihren Freund nach einem halben Jahr geheiratet, um mit ihm in die USA gehen zu können und dort für immer zu leben. Auch das bewundere und respektiere ich, aber mir selbst wird bei dem Gedanken, etwas ähnliches zu tun, ganz bange. Das ist nämlich die andere Seite: Aus der Ferne ist das aufregend, aber tauschen wollen würde ich nicht.  

Witzig, denn jetzt mache ich genau das. Ich wandere zwar nicht in die USA aus, aber ich breche auch die Zelte ab und gehe vom schönen Rheinland-Pfalz ins weit entfernte Bayern. Etwas, das für mich lange völlig unvorstellbar war. Ich mag meine Heimat, habe hier lange gelebt und habe unser Bundesland nie verlassen. Die maximale Umzugsstrecke lag bei 100 Kilometern. Und Bayern war mir bisher auch immer eins der unsympathischsten Bundesländer. Viele Dörfer, wenig Großstadt, eine mir fremde Mentalität und Berge. Dabei bin ich ja eher der Meertyp. 

Aber mein Leben ist oft vor sich hingedümpelt, ich habe Entscheidungen bezüglich Job oder Wohnung getroffen, weil sie mir zugeflogen sind oder sie bequem waren. Damit bin ich zwar glücklich gewesen, nur kann das nicht alles sein. Chancen soll man ergreifen und das hab ich getan. In Bezug zu Bosse: Ich laufe nicht weg - ich gehe ganz bewusst und mit gebrochenem Herzen, weil mir meine Heimat fehlen wird und ich sie mit all ihren tollen Menschen geliebt habe. Aber, wie meine Freunde so schön sagen, wenn ich wieder rumjammere: Das sollte kein Grund sein zu bleiben. Und innerhalb des letzten Monats, in dem ich öfters dort unten war, ist mir Bayern richtig ans Herz gewachsen. Liebe Menschen, ein wundervoller Job, eine traumhafte Wohnung und eine Natur, die so saftig und schön ist, dass man seinen Augen nicht traut. Mal sehen, wie ich dort klar kommen werde.

Jetzt sind es noch eineinhalb Monate, die ich bleibe. Dann gehe ich, mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Und obwohl Clueso mir ein bisschen zu optimistisch ist, muss ich ihm in dem Fall zustimmen: Herzlich willkommen, Neuanfang!

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