Freitag, 6. Januar 2017

Welcome to Bavaria: Mein Weg nach Bayern

Sommer 2009. Meine Eltern überredeten mich dazu, mit ihnen einen weiteren Urlaub zu verbringen. Weil mein Vater Berge liebte und meiner Mutter das Wegfahren - und kein konkretes Ziel - am wichtigsten war, sollte es das bayrische Allgäu sein. Ich war begeistert. Nicht. Denn mein Herz schlägt seit jeher fürs Meer (es muss nicht mal das Mittelmeer sein - mir reicht auch die Nord- oder Ostsee) und entsprechend wenig konnte ich mit den Bergen anfangen. Schließlich sind sie das genaue Gegenteil von allem, was die See zu bieten hat. Jedenfalls war ich 15 Jahre alt und weil meine Eltern mich nicht allein Zuhause lassen wollten - vermutlich weil sie dachten, ich stelle irgendeinen Quatsch an - musste ich mit. Wir tuckerten also vier Stunden mit dem Auto von Mittel- nach Süddeutschland und je mehr die Stimmung meiner Eltern stieg, desto mehr sank meine. Wir verbrachten eine Woche lang im Allgäu. Wir wanderten, besuchten Museen und warfen auch einen Blick in die historische Stadt Kempten. Dinge, die mich als Teenager nicht sonderlich interessierten. Zugegeben, ich war voll in der Pubertät, also muffelig, zickig und bocklos. Im Nachhinein bewundere ich meine Eltern regelrecht, dass sie trotz mir Spaß dort hatten. Jedenfalls hatte ich keinen. Und nach sieben Tagen Alpennähe beschloss ich für mich, Bayern den Rest meines Lebens zu meiden.

Sieben Jahre später sitze ich an meinem Schreibtisch, schaue auf die Altstadt von Kempten (ja genau, das Kempten) und überlege, wie ich euch am besten erklären kann, warum ich jetzt in Bayern leben werde. Denn wenn man sich das prägende Urlaubserlebnis weiter oben ansieht, ploppt diese Frage in Kombination mit einem gewissen Unverständnis unweigerlich auf.

Fangen wir von vorne an. Ich komme aus einem kleinen Städtchen an der rheinland-pfälzischen Nahe. Dort gibt es massig Weinberge, etliche Supermärkte und sehr wenig Einzelhandel. Ein guter Ort für eine abwechslungsreiche Kindheit und ein schlechter Ort für eine wilde Jugend. Jedenfalls zog es mich irgendwann dort weg, ich wollte in die Großstadt, feiern, etwas erleben, studieren. All das, was man in meinem Heimatort nicht kann. Also zog ich zuerst nach Trier und später nach Mainz, wo ich die letzten drei Jahre meines Lebens verbracht habe. Nur endet irgendwann das Studium und auf einmal steht die Frage auf dem Plan: Was wird aus mir? Da ich schon ewig als freie Mitarbeiterin bei unserer heimischen Zeitung arbeite, habe ich Blut geleckt und spürte den Wunsch in mir, als Redakteurin fest bei einer Zeitung angestellt zu sein. Nur braucht man dafür ein Volontariat, also eine Redakteursausbildung. Die ist hart umkämpft und die Stellen sind begrenzt. Mir blieben also zwei - und gleichzeitig unendlich viele - Möglichkeiten. Entweder ich blieb in Mainz oder ich ging. Nur wohin? Im Herbst schrieb ich rund 40 Bewerbungen an Zeitungen, die ein Volontariat anboten und die mir auch sympathisch waren, in der Hoffnung, dass die Resonanz gut sein wird und in der Erwartung, dass ich wegen der vielen anderen Bewerber einen harten Stand haben würde. So war es auch zuerst. Es hagelte Absagen. Mein eigentlich ausgeprägtes Selbstbewusstsein krachte in sich zusammen. Bis sich zwei Zeitungen meldeten und mich einluden. Eine in Waiblingen bei Stuttgart und eine in Kempten. Zuerst tendierte ich klar nach Waiblingen. Es liegt sehr nah bei Stuttgart, ist trotzdem groß und nicht allzu weit weg von meiner Heimat. Bis ich das Bewerbungsgespräch hatte. Ich merkte schnell, dass die Chemie nicht stimmt. Das Bauchgefühl sagte klar nein. Blieb noch Kempten.

Also machte ich mich einige Tage später mit dem Auto auf den Weg. Vier Stunden Fahrt. Kurz vor Kempten auf der A7 dann eine große Kurve - und dahinter das Alpenpanorama. Ganz plötzlich. Und auf einmal wusste ich nicht mehr, warum ich das Allgäu damals so bescheuert fand. Jetzt gefiel es mir. Mehr noch, ich bewunderte die Schönheit und die Natur dort. Ich kam pünktlich an, nervös ohne Ende, ging ins Gespräch - und merkte, dass Bayern noch einen Pluspunkt hatte: Die Mentalität. In fünf Minuten war aus dem seriösen Bewerbungsgespräch ein gefühlter Smalltalk geworden, den ich mit einer Leichtigkeit wahrnahm, die ich nicht für möglich gehalten hätte. Die Stunde verging wie im Flug. Und als der Chef das Gespräch beendete, bot er mir die Stelle an. Mein Bauchgefühl sagte sofort ja. Es passte. Alles passte. Die Entscheidung zu gehen, war schnell gefällt und weitere Gespräche wollte ich gar nicht mehr abwarten.

Inzwischen bin ich also hier angekommen. Seit zwei Wochen wohnen wir in unserer hübschen Innenstadtwohnung, die erste Woche im Job ist vorbei und ich muss sagen: Ich bereue es kein bisschen. Die Kollegen sind toll, die Menschen hier herzlich und die Gegend (mit ihrem relativ ausgeprägten Winter) macht auch einiges her. Aus dieser Perspektive heraus könnte ich nicht glücklicher sein.
Auf der anderen Seite wird mir das großstädtische fehlen, denn Kempten umfasst gerade einmal rund 70.000 Einwohner. Und ist damit die größte Stadt des Allgäus. Ich werde meine Freunde und meine Familie vermissen. Außerdem macht mir der Neustart natürlich Bammel. Aber hey, der erste Eindruck von Bayern und speziell vom Allgäu hat eine 180-Grad-Wende gemacht. Ich mag es hier und bin bereit für mein neues Leben.

In den nächsten Wochen und Monaten werde ich euch in der Kategorie "Welcome to Bavaria" meine neuen Eindrücke und Erlebnisse in Bayern schildern. Denn ich glaube nicht nur, dass es ein Kulturschock sein kann, als Nahemädchen nach Bayern zu ziehen, sondern ich auch viel erleben werde. Und mein Horizont ein ganzes Stück weiter wird. 

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