Samstag, 25. November 2017

Meine 5 Minuten gehen diese Woche an... #metoo!

...oder warum dieser Hashtag mehr als ein Trend sein muss

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Egal, auf welchem Social Media Kanal ich momentan surfe oder welche Nachrichtenseite ich besuche - der Hashtag #metoo begegnet mir nahezu überall. Und das seit mehreren Wochen. Er drückt die Solidarität unter Frauen aus, die sexuell belästigt oder sogar vergewaltigt worden sind, oder gibt ihnen eine Stimme. Angefangen hat die Geschichte rund um den Hashtag mit Harvey Weinstein. Der US-amerikanische Filmproduzent soll zahlreiche Frauen sexuell belästigt oder vergewaltigt haben. Als einige den Mut fassten und sich öffentlich mit dem Hashtag #metoo äußerten - auf die Gefahr hin, ihre Schauspielkarriere dadurch zu beenden -, schlossen sich zahlreiche andere  an, um sie zu unterstützen. Es entstand eine Kettenreaktion: Immer mehr Frauen machten ihre Erlebnisse öffentlich und gaben so vielen anderen den Mut, sich nicht weiter zu verstecken. Soweit, so gut, so wichtig. Denn es ist ein riesiger Schritt für Betroffene, das Schweigen zu brechen und die Täter anzuprangern. Das schafft nicht jede - leider.

Somit ist der Hashtag erstmal gut und gibt Frauen eine Stimme. Doch die kleine Rautenbotschaft hat einen bitteren Beigeschmack. Sie zeigt nämlich ein Problem, wenn man genau hinsieht: Den Unterschied, ob eine Tatsache bekannt oder öffentlich ist. Denn dieser #metoo-Boom, die Dauer von Weinsteins Taten und etliche Informationen, die nachträglich ans Licht kamen, machen klar, dass die Vorwürfe schon lange in Hollywood bekannt waren. Es brauchte aber erst eine starke Öffentlichkeit, um Weinstein an den Pranger zu stellen. Wie heuchlerisch das ist, zeigt zum Beispiel der Fall Terry Richardson. Er ist ein bekannter Mode- und Promifotograf, der bereits zahlreiche VIPs abgelichtet hat. Vorwürfe, dass er seine Modelle sexuell belästigt hat, gibt es bereits länger. Doch erst mit dem #metoo-Ansturm kündigte der Medienkonzern Condé Nast die Zusammenarbeit mit ihm. Der Hashtag ist also ein zweischneidiges Schwert: Er gibt Frauen eine Stimme, aber zeigt gleichzeitig die Heuchelei dieses Business auf.

Und wie es so oft ist mit Hollywood: Die Welt zieht hinterher. Schließlich boomt #metoo inzwischen nahezu überall. Und viele Medien berichten darüber. Aus verschiedensten Perspektiven. Genau das braucht #metoo, denn ohne Medien hätte der letzte Schwung gefehlt, um tatsächlich einen öffentlichen Aufschrei herbeizurufen. Doch auch in den Medienberichten liegt ein großes Problem, denn das Nachrichtenschema, ein aktuelles Thema, das die Menschen gerade interessiert, aus ständig anderen Blickwinkeln zu betrachten, überspannt hier den Bogen. Klar, es gibt gute Ansätze: In den Berichten geht es um Kunst und inwiefern #metoo Kunst einschränken darf oder um die Sicht der Männer und ob sie ihr Verhalten einmal hinterfragen sollten. Richtig so! Kein Thema ist schwarz oder weiß!

Aber die Medien greifen auch Themen auf, die Grenzen überschreiten, zum Beispiel, ob Frauen sich überhaupt noch aufhübschen sollten oder sich besser abschminken, um Männern keine Angriffsfläche zu bieten. Dieser Artikel, der in der Zeit erschienen ist, macht mich wütend, denn es ist noch nicht allzu lange her, dass diese Debatte schon einmal geführt wurde. Das Ergebnis: Das Problem sind nicht die Frauen und ihr Make-up, sondern die Männer und ihr Verhalten. Nur weil eine Frau roten Lippenstift trägt, heißt das noch lange nicht, dass Männer das Recht bekommen, ihr an den Hintern zu fassen oder ihr anzügliche Unverschämtheiten ins Ohr zu flüstern. Und auch wenn Autorin Barbara Kuchler explizit betont, dass sie das genauso sieht, fordert sie, dass wir uns abschminken. Sie wirft damit indirekt die Schuldfrage auf. Sie sagt zwar nicht, dass Make-up der Grund für sexuelle Belästigung ist, aber an deren Keim, dem Gedankengut der Männer. Und genau diese Schuldfrage sollte so einfach nicht gestellt werden. Das ist, auch in dieser milden Form, falsch, völlig daneben und rückt die Debatte ins falsche Licht. Es geht um sexuelle Übergriffe. Und daran sind nun mal diejenigen schuld, die sie verübt haben.

Genauso falsch ist es, wilde Beschuldigungen anzustellen. Ja, es ist wichtig, Namen zu nennen, Menschen an den Pranger zu stellen. Wenn sie es verdient haben. Wenn es Beweise gibt und die eindeutig sind. Diese Menschen müssen angezeigt werden und ihre Strafe bekommen. Aber einfach mal Vermutungen aufzustellen, geht zu weit. Und lenkt auch vom eigentlichen Thema ab: Den wahren Tätern. Und den starken Frauen, die sich gegen sie stellen.

Doch das #metoo-Thema, mit all seinen Perspektiven, ist für die Medien erst erschöpft, wenn es etwas neues, spannenderes gibt. Das passiert früher oder später. Und das ist ein drittes, wenn nicht sogar das größte Problem. Denn vielen Menschen passt es in den Kram, dass es demnächst wieder vorbei sein wird mit diesem Hashtag in den Medien. Weil sie sich nicht intensiv damit beschäftigen wollen. Doch genau das wäre wichtig. Dass #metoo in den Köpfen bleibt, Mut gibt und auf Dauer etwas verändert. #metoo darf kein Trend sein, denn dieser Hashtag ist mehr als das. Es muss Frauen geben, die weiter ihre Geschichte erzählen, die anprangern, die laut sind, unbequem und so dafür sorgen, dass Frauen ihre Stimme bei sexueller Gewalt behalten. Dass Männer damit nicht unbemerkt weiter machen können, weil Frauen durch #metoo wissen, dass sie nicht schweigen dürfen. Denn genau das kann dieser eine Hashtag bewirken. Dafür darf er aber nicht in Vergessenheit geraten.

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