Montag, 16. Mai 2016

Meine 5 Minuten gehen diese Woche an... das Eurovision-Song-Desaster!

Und jährlich grüßt das Murmeltier. Mal ehrlich, so ist es doch inzwischen beim Eurovision Song Contest. Es treten 20 Länder gegeneinander an, die Performance ähnelt sich ganz stark und am Ende gewinnt ein Künstler, bei dem die Hälfte der Zuschauer frustriert den Kopf schüttelt. 

Okay, vielleicht nicht ganz so. Vielleicht spricht auch ein wenig der Frust aus mir, den der ESC nahezu jedes Jahr auslöst. Zugegeben, in diesem Jahr gab es keine überproportional unverständliche Entscheidung durch eine unbekannte Jury. Es gab endlich mal die Punktevergabe der Zuschauer. Und es ist auch nicht so, dass die Gewinner grundsätzlich für Unverständnis bei den Zuschauern sorgen.

Aber fangen wir mal bei uns selbst an: Jamie-Lee Kriewitz, deren Nachnamen ich erst mal googeln muss, um ihn richtig zu schreiben. Die mit ihren 17 Jahren The Voice of Germany letzten Herbst gewonnen hat und mit ungewöhnlichen Manga-Outfits die Aufmerksamkeit auf sich zieht. Der Song, "Ghost", ist auch noch ziemlich eingängig, da kann man schon verstehen, dass die deutsche Bevölkerung so jemandem Chancen beim großen Grand Prix de Eurovision zutraut. Hat Lena ja auch mal geschafft, mit ähnlichen Voraussetzungen.

Spätestens bei diesem Gedanken muss ich mich aber selbst unterbrechen, denn: Halt, stopp, das ist irgendwie ganz anders! Schon beim Schnelldurchlauf fiel auf, dass fast alle Künstler in einem ganz schönen Einheitsbrei verschwammen. Nur zwei, drei Künstler fielen raus. Einmal Dänemark (glaub ich) mit einem netten Folk-Song und Jamie-Lee. Die war allerdings im Gegensatz zu allen anderen verdammt blass und ausdruckslos. Sie fiel also irgendwie negativ auf. Außerdem wirkte das Manga-Outfit nicht nur absurd, sondern im Zusammenhang mit ihrem Song völlig unpassend. Bestimmt saßen etliche ältere Zuschauer (und vermutlich auch einige jüngere) vor dem Fernseher und fragten sich laut, was das denn solle. Eine Antwort haben sie nie erhalten. Woher auch? Außerdem machte ihr Auftritt nichts her. Keine große Show, ein bisschen auf der Bühne hin und her. Das war's.
Klar, hier hört man auch wieder ein defensives: Das hat Lena auch gemacht! 
Und wieder muss ich sagen: Ja, aber. Lena war nicht unscheinbar. Sie hatte, obwohl sie nur in einem kleinen Schwarzen auf eine recht leere Bühne ging, eine solche Ausstrahlung - und einen ganz zauberhaft beschwingten Song - dass die Zuschauer hin und weg sein mussten. Vergleicht man das mit Jamie-Lee könnte der Unterschied nicht gravierender sein, wenn auch erst auf den zweiten Blick.

https://www.youtube.com/watch?v=eBJpJj5g99A

Prinzipiell hätte sie ganz gute Chancen gehabt, denn eigentlich präsentiert sie die Mischung dessen, was bei den Zuschauern gut ankommt. Da ist entweder eine sehr schlichte, fast langweilige Performance von einem Künstler, der aus sich selbst heraus überzeugt (siehe Loreen aus Schweden, Emmelie de Forest aus Dänemark oder eben unsere Lena), oder die Künstler sind so schräg, dass sie die Leute durch ihr Auftreten in ihren Bann ziehen (Conchita Wurst aus Österreich oder Lordi aus Finnland). Das vereint Jamie-Lee ziemlich gut: Sie tritt eher schlicht auf, sieht dabei aber ganz schön schräg und auffällig aus. Was aber alle Gewinner gemeinsam haben: Sie überzeugen durch ihre Ausstrahlung und ihren Song. Da könnte noch so wenig Showeffekt drum herum sein, sie würden trotzdem die Massen überzeugen können. Genau das macht einen solchen Gewinner ja auch aus.
Hier versagt Jamie aber. Ihr fehlt es an musikalischer Erfahrung, an Ausstrahlung und noch mal: Was um Himmels Willen soll ein Manga-Outfit in Kombi mit diesem Song bei einer solchen Veranstaltung?! Das einzige, was in diesem Jahr alles noch verschlimmert hätte, wäre Xavier Naidoo. 

Aber woran liegt das? Hat die deutsche Bevölkerung einen so niederen Musikgeschmack, dass Castingshowgewinner zum ESC gehen sollen (oder Musikmissionierer Xavier Naidoo)? Gibt es sonst so wenig Auswahl? Ist ja nicht das erste Mal, dass es schief geht. Alleine die letzten vier Jahre waren wir verdammt punktarm, 2015 und 2016 sogar letzter. Das einzige, was man wirklich dagegen halten kann: Mit Andreas Kümmert hätten wir einen Lena-würdigen Kandidaten gehabt. Dummerweise ist der abgesprungen und Ann-Sophie musste ran. Als zweite Wahl anzutreten und dann auch noch 0 Punkte zu erhalten, ist wirklich bitter.
Möglicherweise nimmt Deutschland die ESC-Teilnahme einfach zu ernst. Wir müssen teilnehmen (oder, etwas geschickter ausgedrückt, dürfen teilnehmen), weil wir zu den fünf größten Geldgebern gehören. Nur ist dieses Privileg vielleicht einfach unverdient. Möglicherweise sollte Deutschland einfach mal aussetzen - und dann wieder richtig antreten. Denn diese Eurovision-Song-Desaster sind nicht nur peinlich, sondern auch frustrierend. Da schaltet man als Zuschauer aus Prinzip nicht mehr ein - wie ist das dann wohl beim Produzenten-Team? Andererseits könnte man die deutsche Musikauswahl auch gutheißen, denn es wurde nicht im Strom mitgeschwommen. Unser Song stach heraus, wenn auch nicht positiv, und ging nicht im ESC-Mainstream unter. Zwar verliert man dann, aber wenigstens mit Würde.

Apropos ESC-Mainstream: Einige Dinge haben sich ja generell geändert. Zum Beispiel der Fokus. Es geht nicht mehr um die Musik, sondern um die Show. Ein Wunder, dass der Song "1944" überhaupt gewonnen hat, schließlich ging es da um Politik und nicht nur um die Effekte. Außerdem ist alles moderner geworden: Justin Timberlake tritt in der Bewertungsphase auf (auch wenn das dem Wettbewerb nicht unbedingt gut getan hat, denn an JT kommt keiner ran), es werden mehrere komödiantische Auftritte absolviert und auch das Wertungsverfahren ist frisch: Die Zuschauer haben mehr Einfluss, bei den Jurypunkten werden nur noch die 12er-Wertungen verkündet, der Rest fließt automatisch ein. Das spart Zeit. Auch die Selbstironie der Moderatoren (unter anderem der Gewinner des Vorjahres, Mans Zelmerlöw) war erfrischend und witzig. Insgesamt war es also wirklich eine gute Show! Nur darf man das Aber dahinter nicht vergessen.

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