Freitag, 11. August 2017

Meine 5 Minuten gehen diese Woche an... die Nature One, Vol. II

...oder: Mein Party-Tagebuch

Einen Tag lang verzichte ich jedes Jahr auf Schlaf (und der ist mir normalerweise super wichtig!): Nämlich genau dann, wenn wieder die Nature One die Raketenbasis Pydna zum Beben bringt. Weil ich euch letztes Jahr schon vorgeschwärmt habe, was daran so toll ist, bekommt ihr diesmal das Feiertagebuch der elektronischsten 24 Stunden meines Jahres. 

https://www.youtube.com/watch?v=uD_lDaxdUUQ

17:44 Uhr Bin im Zug nach Mainz, um meinen Kumpel Daniel abzuholen (und meine Sachen dort abzustellen). Fange mir erste Blicke von Mitfahrern ein, die nicht einschätzen können, ob ich einfach wunderlich bin oder außerirdisch. Habe viel Zeit in blaue Haare, rot-blaue Augenlider, metallene Lippen und mein kleines, silbernes Gesichtstattoo investiert. Körperlich bin ich entspannt, mental gar nicht, denn ich habe fünf Minuten, um vom Hauptbahnhof in die Straßenbahn zu kommen, bei Daniel eine Viertelstunde, um in die Wohnung zu gehen, Sachen abzustellen und mit Daniel wieder zur Haltestelle zu gelangen. Und dann, wenn es bis dahin gut geht (unwahrscheinlich), bleibt uns genügend Zeit für den Zug...

18:02 Uhr Juhu, bin in der Straßenbahn! Sogar eine früher als erwartet!

18:37 Uhr Nochmal juhu! Der Stress hat sich gelohnt, wir haben ein super Timing! Habe alles umräumen können wie erwartet, jetzt nur noch ein Ticket für den Zug ziehen. Hoffentlich liegt nichts Wichtiges mehr in Daniels Wohnung...

18:48 Uhr F&#k! Natürlich hab ich was vergessen! Meine Bahncard! Ich hätte die 20 Euro sparen können. Ach, Mann, typisch. Immerhin ist sonst alles dabei.

19:05 Uhr Ist das euer Ernst? Der Automat nimmt meinen 50-Euro-Schein nicht. Der Verkaufsschalter hat bereits geschlossen, der Infoschalter verkauft und wechselt nicht. Bin verzweifelt. Versuche es bei Rossmann. Alarm geht am Eingangsbereich los. Die Kassiererin zitiert mich herbei, ich muss all meine Sachen entwerten lassen, damit ich nicht mehr piepse. Hilft aber nicht. Sie schickt mich kopfschüttelnd raus. Kaufe mir frustriert eine Brezel, um mir ein Bahnticket zulegen zu können. 

19:25 Uhr Sitzen im Zug. Daniel hat eine Dose Wodka-Lemon aufgemacht, ich eine Dose Prosecco mit Himbeeren. Klebrig. Ich schwärme ihm vom vergangenen Jahr vor, da fällt mir siedend heiß ein, dass auch mein Personalausweis noch in Daniels Wohnung liegt. Verfalle in Panik. Was, wenn es dort Sicherheitskontrollen gibt? Und sie mich deshalb nicht rein lassen? Und der ganze Abend im Eimer ist? Mir bricht Schweiß aus. Erinnere mich, dass ich den Perso mal abfotografiert habe. Finde die Datei auf dem Handy. Hoffe, das reicht. 

20:10 Uhr Noch eine Zigarette vor dem Partybus, der uns von Koblenz nach Pydna bringt. Wollen gerade einsteigen, als dort Volksmusik erklingt. Erst urtümlich, dann Helene Fischer. Überlegen kollektiv, zu protestieren. Der Busfahrer entscheidet sich dann doch für Techno. Gott sei Dank...

21 Uhr Sind auf dem Gelände. Muss aufs Klo, die Fahrt war lange. Stelle mich in eine 20 Meter breite und 50 Zentimeter lange Schlange vor den Dixis. Chaos. Brauche ewig, um aufs Klo zu gehen, während Daniel mit meiner Regenjacke im Arm wartet. Immerhin ist das Klo recht sauber. 

21:13 Uhr Komme zurück zu Daniel. Er beschließt, er muss jetzt auch. Also nochmal von vorne: Anstellen in der Dixi-Schlange. Sie ist inzwischen ein Meter lang. Kann sich nur um Stunden handeln...

21:32 Uhr Daniel kommt endlich zurück. Endlich, weil wir bis aufs Festivalgelände noch eine Dreiviertelstunde locker vor uns haben, denn alle Besucher drängen gerade dorthin. Es ist enorm viel los. Reihen uns in die Masse und folgen. 

21:50 Uhr Ups, ging wohl doch schneller. Die Kontrollen haben sie extrem gut hinbekommen. Auch mein braunes Guaranapulver (pflanzliches Koffein, ganz legal!) haben sie gefunden. Die Frau von der Security rief direkt die Drogenkommission. Der Typ roch kurz daran, lachte und winkte mich durch. Ab geht's!

22 Uhr Daniel möchte Bier, ich möchte Wasser. Stellen uns an und bekommen Getränke schnell. Komme auf die irre Idee, Guarana in die Getränke zu machen. Da man ja immer rund einen halben Teelöffel nehmen soll, mach ich ordentlich rein. Die Folge: Daniels Bierschaum sieht aus wie dreckig und mein Wasser verwandelt sich zur Schlammbrühe. Auch geschmacklich. Na toll. Hauptsache wach. 

22:11 Uhr Sind auf dem Open-Air-Floor. Daniel ist sichtlich beeindruckt, ich fühl mich Zuhause. Die Ostblockschlampen legen gerade auf und feiern enorm, dass sie gerade hier sind. Stimmung ist super, fühle mich frei und jung und gut. 

https://www.youtube.com/watch?v=md7Co6Qyym0

22:14 Uhr Durch das Tanzen vermischt sich das Guarana mit dem Wasser. Sieht noch immer eklig aus, aber schmeckt immerhin wie Wasser. 

22:47 Uhr Beschließe, Daniel das Gelände zu zeigen. Machen eine Rundreise vom Classic Floor (auf dem 90er-Techno läuft) über den Century Circus (Zelt, in dem neuer Techno gespielt wird) bis hin zum House of House (da läuft House - überrascht, was?). Beleuchtung ist definitiv dort am besten. Schauen auch kurz in die kleinen Bunker, in denen jeweils Clubs drin und drauf sind, aber um halb zwölf habe ich ein Date mit Moguai am Open-Air-Floor. Vorfreude!

https://www.youtube.com/watch?v=TuzD8TWyfX0

23:35 Uhr Hartes Set von Moguai... Letztes Jahr war er melodischer. Mal schauen, ob er die vier Lieder, die ich inzwischen kenne, spielt. Bin zuversichtlich. 

23:50 Uhr Noch immer ziemlich hart - und unbekannt. Nicht so das Wahre. Will aber nicht mein Gesicht verlieren und feier hypnotisch weiter zur Musik. Ein DJ-Set kann sich ja entwickeln...
Moguai auf dem Open-Air-Floor

0:14 Uhr
Gebe auf. Stil bleibt so. Schade. Setzen uns auf einen der Hügel, um kurz zu entspannen. 

0:17 Uhr Shit, sind die rutschig! Ohne Spikes macht man da den Abflug. Uncool. 

0:45 Uhr Oh Mann, jetzt spielt Moguai eins der Lieder, die ich kenne? Jetzt, nach eineinviertel Stunden? Egal, sitze gut (Po ist im Boden verankert, das geb ich jetzt nicht auf, nicht vor dem Feuerwerk!)
Feuerwerk über die Schulter...

1:10 Uhr Moguai ist fertig, die Nature One Inc. übernimmt und macht die Hauptshow. Einer der Gründe, warum ich dieses Jahr Samstag und nicht Freitag hin wollte. Die ersten zehn Minuten laufen ohne Pyroeinlagen und Feuerwerk ab. Stattdessen zeigen sie an der Lichtpyramide über dem Open-Air-Floor, was sie alles kann. Dann kleine Raketen oberhalb der Bühne. Und dann - och nöhööö! - beginnt das Feuerwerk hinter uns. Ein riesiges, wunderschönes Feuerwerk. Nur da wir am steilen Hang mit Blick auf die falsche Seite sitzen und alle jetzt auf den Bunker stürzen, haben wir keine Chance. Wir drehen uns um, gucken über die Schulter oder beobachten, wie die Leute sich die Lichtershow ansehen. Na toll. 

1:33 Uhr Suchen einen Weg über den Bunker und versinken dabei oben im Gras, nachdem die glücklichen Feuerwerkschauer den Hügel verlassen haben. Gibt hinten keinen Weg runter, also wieder dorthin zurück, wo wir herkamen und mitten durch den Bunker hindurch. Muss aufs Klo und stelle mich mal wieder in eine dieser seltsamen Schlangen. Ein Typ quatscht mich an, Mirko oder so (verstehe den Namen durch die laute Musik schlecht). Fragt, "ob ich auch anstehe". Muss mir eine blöde Antwort verkneifen. Er führt aber ein zivilisiertes Gespräch mit mir, die Anmache ist nicht niveaulos. Er erzählt zum Beispiel, dass er Menschen aus dem Allgäu kennt und aus Hessen kommt. Sympathisch! Als er mich fragt, was ich beruflich mache, geht eine Klokabine auf, in die ich schlüpfe. Bester Moment bis heute! Nicht Mirko, sondern das Klo, denn der Toilettenrand ist total sauber und es gibt Klopapier! Juhu!
Die Lightshow im House of House bei Moonbootica

2:13 Uhr Sind im House of House und tanzen zu Moonbootica. Daniel ist zu heiß, wir gehen an den Rand. Dort dienen wir aber als Wegweise für den Durchgang oder als Kreise, denn ständig laufen Leute um uns herum. Beschließen, dass wir lieber raus gehen, noch eine rauchen. 

2:48 Uhr Verquatschen uns auf einem Hügel. Werde harmlos emotional und fühle mich kindisch. Kann daran liegen, dass Daniel 12 Jahre älter ist als ich und oft weise Ansichten hat. Vielleicht ist es aber auch, weil ich meinen heutigen Tiefpunkt erreiche. Bin richtig müde und mir wird kalt. 

3:12 Uhr Gehen zum Getränkestand. Ich ordere ein Bier für Daniel und ein Wasser für mich. Soll acht Euro zahlen, was zu viel ist. Statt Wasser bringt sie mir aber Storm, das koffeinhaltige Wasser auf der Nature One, das teurer ist als übliches. Ich drücke ihr sieben Euro in die Hand, sie lacht. "Ich dachte, du hast schon bezahlt", sagt sie. Ich ärgere mich kurz über meine Ehrlichkeit, freue mich aber über den Euro weniger, den ich gezahlt habe und das Koffein, das ich so bekomme.

3:27 Uhr Daniel möchte sich Tom Wax auf dem Classic Floor anschauen. Müssen erstmal den Floor suchen, denn es gibt einen weiteren großen auf einem Hügel. Daniel - der eigentlich Rock hört und nur gelegentlich mal zu Elektro feiert - erkennt Tom Wax. Für klassischen Techno ist er wirklich gut. Feiern mit lauter Menschen, die aber in die Zielgruppe hören. Heißt: Ich bin mit Abstand die Jüngste. 

3:52 Uhr Weitere kurze Pause zum Durchschnaufen. Müdigkeit dümpelt in unseren Köpfen vor sich hin. 

4:13 Uhr Machen einen Abstecher zum Open-Air-Floor. Wollen den Abend dort ausklingen lassen, dort gefällt es uns am besten. Momentan spielt noch Ferry Corsten, dann übernimmt Tujamo. Die Tanzfläche ist deutlich leerer als noch gegen Mitternacht. Merke, wie meine Akkus durch die Musik wieder aufladen, tanze mich in den Flow, als es auf einmal still wird. Nur ein Animateur macht noch Faxen. Ich sage aus Spaß: "Da ist wohl das Pult kaputt". Da sagt der Animateur auf Englisch (warum auch immer, wenn der DJ deutsch ist und das Publikum auch): "Wir haben Probleme mit dem Pult." Fünf Minuten kein Tanzen. Die Menschenmasse stört das nicht. Sie feiern auch so weiter. 

5:10 Uhr Beschließen aufzubrechen, ab zum Bus. Zahlreiche Menschen gehen mit uns. Der Bus fährt pünktlich um halb sechs ab. Wir sind extrem müde. 

5:29 Uhr Diskutieren über die Zukunft von Zeitungen. Merke, dass das mit meinem müden Kopf echt anstrengend ist und ich keine guten Argumente mehr zusammen bekomme. 

6:07 Uhr Sind am Koblenzer Hauptbahnhof. Laufen wie Zombies zum Becker und holen Frühstück. Alles noch warm, mjam. Ich kaufe mir noch ein Ticket - das mit dem Bahncard ist mir mittlerweile zustandsbedingt egal - und laufe mit Daniel zum Gleis, frühstücken. Es ist bitterkalt heute Morgen, maximal 13 Grad. 

6:55 Uhr Abfahrt nach Mainz, im ICE! Es ist so bequem, dass ich hart gegen das Schlafen ankämpfen muss. Als Daniel mir nach fünf Minuten sagt, ich soll doch bitte endlich nachgeben, bin ich sofort weg. 

7:28 Uhr Sind in Mainz. Nehmen uns ein Taxi zu seiner Wohnung, denn auf die Straßenbahn warten halten wir nicht mehr aus. Bin erstaunt, wie fit mich dieser Kurzschlaf gemacht hat. Rede wieder ununterbrochen. 

8:11 Uhr Beschließe, meinen Zustand zu nutzen und wach zu bleiben. Gehe Duschen in Daniels Wohnung und suche mir den nächsten Zug ins Allgäu. Wenn ich jetzt schlafe und auf meinen eigentlich gebuchten Zug warte, ist mein Tag im Eimer. 

9:19 Uhr Fahr Richtung Hauptbahnhof. Hoffe, keine Tasche liegen zu lassen oder wegzudösen, sonst wache ich am anderen Ende von Mainz auf. 

11:32 Uhr Zugfahrt ist bequem, habe geschlafen. Wache auf, weil sich ein Mädchen neben mir setzt. Sieht ähnlich alt aus wie ich. Hat aber eine Freundin dabei, die sich gegenüber setzt. Und schon reden sie, durchweg in einer hohen Stimmlage - über Make-up. Ich kann meinen Schlaf vergessen. Bin frustriert und zähle die Stunden, die ich jetzt wach bin (mit Miniunterbrechungen): 27. 

12:17 Uhr Bin am Ulmer Hauptbahnhof, muss umsteigen. Hab tierisch Hunger, das Frühstück ist zu lange her. Hole mir etwas zu essen und kann den letzten Sprint mit dem Regionalexpress nicht mehr erwarten. 

14:21 Uhr Komme im Allgäu an. Und hab wieder Hektik. Es fährt genau ein Bus in genau fünf Minuten, danach für 90 Minuten nichts mehr. Ich weiß, dass ich die 90 Minuten nicht aushalte, also renne ich. Erwische den Bus und torkle müde die letzten Meter von der Haltestelle nach Hause. 

14:44 Uhr Begrüße meinen Freund - die letzte Handlung, bevor ich nach 30 Stunden ohne Schlaf auf der Couch ins Koma falle. Aber nicht ohne ein Lächeln im Gesicht. 

https://www.youtube.com/watch?v=MbiyT9LXgu0

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