Mein Plädoyer für... eine entspannte Silvesterfeier!

...oder warum das Fest immer für eine Enttäuschung gut ist

Jedes Jahr gibt es diesen einen Moment: Ich sitze mit Freunden zusammen, im Hochsommer, wir unterhalten uns und aus dem Nichts kommt diese Frage, bei der sich mir der Hals zuschnürt. "Was machst du eigentlich an Silvester?" Und damit beginnt dieser elendige Prozess der Planung. Für ein Fest, das jedes Jahr stattfindet. Jedes. Jahr.

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Für Kinder ist Silvester cool. Die Spannung vor dem Countdown, lange wach bleiben dürfen, das Feuerwerk. Definitiv aufregend. Dummerweise bleibt dieses Gefühl erhalten, sodass wir den Jahreswechsel auch noch als Erwachsene spannend finden, obwohl es eigentlich nichts weiter ist als der Wechsel von einem Tag auf den anderen. Damit steigen auch die Erwartungen: Silvester muss spannend sein.
Hinzu kommt, dass wir Menschen irgendwann einmal Zeiteinheiten gebildet haben. Und mit Silvester endet eine solche Einheit - nicht irgendeine, sondern die Größte. Das muss natürlich gefeiert werden. Ordentlich.
Weil sich mit diesem Tag bei Vielen aber auch der Rückblick auf die vergangenen zwölf Monate einstellt, kommt Nostalgie mit auf.
Insgesamt eine explosive Mischung: Hohe Erwartungen, Feierlaune und Nostalgie. Kein Wunder, dass dieses Fest jedes Jahr irgendwie grauselig endet. Übersetzt heißt das nämlich: Die Erwartungen werden enttäuscht, es fließt Alkohol en masse (was nie gut endet) und die Stimmung kippt sehr wahrscheinlich. Eine Freundin hat das ganze Silvesterdilemma letztens erst auf den Punkt gebracht: "Ich weiß gar nicht, wo ich dieses Jahr feiern soll. Bisher ist es jedes Mal ausgeartet."

Kommen wir mal zu den praktischen Hürden. Davon gibt es nämlich einige. Zuerst einmal sind da die Freunde. Im besten Fall hat man eine Silvesterclique, mit der man jedes Jahr feiert. Das erspart viel Stress. Die meisten von uns haben so etwas aber nicht. Und weil man ja mit möglichst all seinen Lieben feiern möchte, muss man früh anfragen, schließlich haben die Freunde ja auch Freunde. Ein Faktor, der das ganze ziemlich komplex macht und dieses halbe Jahr Vorbereitung benötigt (was aber natürlich auch den Stresslevel früh hoch treibt). Am Ende dieses Prozess habt ihr von euren zehn Lieblingsmenschen acht dabei. Schritt Nummer 2: Die Frage klären, wie gefeiert wird. Da gibt es nämlich auch verschiedene Vorstellungen. Die einen wollen ruhig Zuhause Raclette und einen Spieleabend machen, die anderen in den Club und die dritten irgendwas sau teures, abgefahrenes. Bring sie alle mal unter einen Hut. Im besten Fall sind die Menschen kompromissbereit, sodass das Fazit am Ende lautet: "Okay, dieses Jahr feiern wir bei euch Zuhause, aber nächstes Jahr mieten wir eine Berghütte!" Realistisch ist aber, dass von den acht angekündigten Freunden nur noch fünf bleiben. Und damit habt ihr nach vielen Diskussionen zumindest einen Teil eurer Lieblingsmenschen versammelt. Aber ich betone noch einmal: Nach vielen Diskussionen, ergo viel Stress und umsonst gestorbenen Nerven.

Monate später ist also Silvester und ihr habt alles akribisch vorbereitet. Schon kommt das zweite Desaster auf euch zu gerannt: Die Stimmung. Denn Silvester lädt gnadenlos zu Eskapaden ein. Da wäre nämlich einmal die Nostalgie und das Gefühl, in dieser einen Nacht einen Neustart wagen zu können (Klassiker: "Wenn nicht jetzt, wann dann?"). Und dann ist da noch der Alkohol, der an Silvester in rauen Mengen fließt. Ganz böse Kombi. Ich habe selten den Jahreswechsel ohne Tränen oder Streit erlebt. Denn egal ob unter Freunden oder Pärchen: Je nach Person werden da die ärgsten Vorwürfe des ganzen Jahres noch einmal ausgepackt und dem anderen um die Ohren geworfen. Männer wie Frauen schmachten dem/der Ex hinterher und verfallen neuerlich in Liebeskummer. Schicksalsschläge kommen wieder auf den Tisch und nicht zu vergessen führt sich der ein oder andere vor Augen, was nicht alles schief gelaufen ist. Wie meine Freundin so schön sagte: Es artet gerne mal aus.

Oder - und das ist ebenfalls ziemlich blöd - Silvester ist extrem langweilig. Statt wild durch die Bude zu tanzen, hocken alle auf der Couch und starren die Wand an. Oder die Musik im Club ist grausam, es kommt einfach keine gute Laune auf. Das fiese an Silvester ist nämlich, dass jeder den Druck hat, die Party genial zu gestalten. Weil sich die Menschen, die mit euch feiern, gegen andere Partys entschieden haben. Und das steigert wieder den Stress und die Erwartungen, die dann enttäuscht werden.

Zu guter letzt ist da aber auch das Böllern, das eine Hürde darstellt. Nicht jeder mag es, Feuerwerk in den Himmel zu schießen. Und bei jeder Party gibt es einen, der unvernünftige Dinge mit den Raketen anstellt. Seit ich einmal in Hamburg an der Alster gefeiert habe, überkommt mich jedes Mal bei dem Knallen die Panik, denn dort wurde kreuz und quer geschossen. Melancholie und Freude um Mitternacht? Nein. Nacktes Überleben.

Weil mir diese ganzen Probleme zuwider sind - und ich genügend schlechte Erfahrung mit dem Fest gesammelt habe - verbringe ich Silvester mittlerweile immer anders. Ich hab schon Zuhause bei mir gefeiert, bei Freunden, mit Raclette und ohne, in Hamburg, Mainz und meiner Heimat. Und jetzt, dieses Jahr, war ich auf einer Silvestergala. Schick im Cocktailkleid ins neue Jahr tanzen. Letztlich sind wir im November einfach rein gestolpert in diese Art Fest und haben einfach mal zugesagt. Wie es war? Sicherlich nicht hürdenfrei. Aber es war entspannt.

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