Meine Ode an... Berlin!

...oder wie ich unsere Hauptstadt wieder lieben gelernt habe

Aussicht vom Bundeskanzleramt auf den Potsdamer Platz
Meine erste Berlin-Fahrt habe ich mir erschlichen. Damals war ich zwölf Jahre alt und meine Eltern feierten silberne Hochzeit. Also kamen mein Bruder und ich auf die (tatsächlich) glorreiche Idee, ihnen einen Wochenendtrip in die Hauptstadt zu schenken. Sie unternahmen solche Reisen selten, deshalb sollten sie sich das einfach mal gönnen. Faktisch sah das dann so aus: Mein Bruder - zwölf Jahre älter und schon im Job - zahlte 90 Prozent und ich junger Pimpf zehn Prozent. Nun gut, logisch. Als dann aber die Fahrt vor der Tür stand, stand plötzlich die Frage im Raum, wo denn die kleine Mareike unterkommt. Hätte ich Größe gehabt, hätte ich gesagt, dass ich die vier Tage alleine klar komme. Oder bei meinen Großeltern bleiben. Aber nö, ich wollte mit. Und meine Eltern sagten guten Gewissens zu (was übrigens für eine ziemlich krasse Familienkrise sorgte, schließlich hatte ich mir damit selbst Berlin geschenkt. Fand mein Bruder nicht so cool).

Blick von der Rooftopbar auf dem Bikini Berlin
Also ab nach Berlin. Wir fuhren im Dezember, die Weihnachtsmärkte hatten schon eine Weile begonnen und es war im hohen Nordosten wirklich eiskalt. Sibirisch, könnte man sagen. Trotzdem begeisterte mich diese Stadt. Bis dahin kannte ich bloß unsere 7000-Menschen-Kleinstadt, in die ich irgendwie nie reingepasst hatte. Jetzt dann der Kulturschock. Berlin mit seinen über drei Millionen Einwohnern, mit Trubel, Menschen, Hektik, Lichtern. All die Sehenswürdigkeiten, die ich aus dem Fernsehen kannte, waren plötzlich hautnah vor mir. Meine Augen hörten nicht auf zu glänzen, dieses Gefühl dort war fantastisch. Obwohl ich noch so jung war, imponierte mir so sehr, dass ich merkte: Das will ich mal. Großstadt. Hier war ich gut aufgehoben. Das Fazit damals: Diejenige, die vom Berlintrip am meisten mitgenommen hat, war ich. Irgendwie war das anders geplant...

Natürlich das Brandenburger Tor
Sechs Jahre später. Unsere Abschlussfahrt stand an. Während der Erdkundekurs an die niederländische Nordsee gefahren ist - und die Woche einfach genießen konnte - stand für Geschichte und Sozialkunde Berlin an. Gehört ja dazu. Und das war eigentlich in der zehnten Klasse vorgesehen. Während viele murrten, freute ich mich ganz massiv auf diesen Ausflug. Endlich wieder zurück in die Stadt, in die ich mich so verliebt hatte. Aber es sollte ganz anders kommen. Wir reisten im Oktober nach Berlin. Das Wetter war entsprechend herbstlich. Im Hotel teilten wir uns das Bett mit Wanzen, hatten ein Gemeinschaftsbad und wohnten in einer enorm seltsamen Gegend. Auch das Programm gefiel mir nicht, es war komplett durcheinander gewürfelt. Und die Clique, mit der ich unterwegs war, zählte sich zu den Nerds, die waren also zu wenig zu bewegen. Gingen wir doch mal weg, landeten wir in überteuerten Bars oder schäbigen Vierteln. Nach fünf Tagen packte mich richtig die Erleichterung, dort wegzukommen. Ich konnte Peter Fox mit seinem Song "Blau zu schwarz" aus tiefstem Herzen verstehen. Berlin kann so hässlich sein. Ich nahm mir vor, nicht mehr hinzufahren, außer ich muss.

https://www.youtube.com/watch?v=yphwzD1XaBY

Ein Abend in Friedrichshain
Tja, und dann - weitere sechs Jahre später - unsere gemeinsame Volontärsfahrt: Vergangene Woche waren wir wieder fünf Tage dort. Mir graute es vorab davor. Ich wollte nicht. So spannend alles klang, schüchterte mich diese Stadt ein und ich hatte wirklich Angst davor, dass diese Fahrt der Horror wird. Aber wieder: Es kam anders. Das mag an dem Traumwetter gelegen haben (durchweg Minimum 20 Grad), an den tollen Menschen (meine Volokollegen sind allesamt der Hammer) oder an dem Programm (DDR und Politik). Aber ich glaube, es war mehr. Es waren die Möglichkeiten und derselbe Effekt wie vor zwölf Jahren. Von der Kleinstadt, diesmal Kempten, in die größte Stadt des Landes. Genau das genoss ich unglaublich. So viele verschiedene Menschen, die sein können, wie sie wollen, ohne blöd angeschaut zu werden. So viele Bars, so viel Leben, so viele Geschäfte. Die ganze Atmosphäre benebelte mich und zog mich mit jedem Tag mehr hinein. Als wir am Freitag die Heimreise antraten, blutete mir ein bisschen das Herz. Und wieder keimte dieser Gedanke: Da könnte ich leben. Das brauche ich. Das gefällt mir. Vielleicht nicht nächstes Jahr, vielleicht auch nie, aber es ist eine Option, die ich mir vorstellen kann. Die mir gut tut.

 https://www.youtube.com/watch?v=Gixv6H1kMHQ

Und am Ende bemerkte ich, dass diese drei Berlinfahrten mich unheimlich viel gelehrt hatten, jede für sich. Beim ersten Mal gab Berlin mir Möglichkeiten, beim zweiten Mal zeigte es mir meine Grenzen und beim dritten Mal schenkte es mir die Freiheit.

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