Grow up! Woran merken wir, dass wir erwachsen werden?

...oder auch nicht...

Um mich herum hörte ich eine Menge Stimmen, die durcheinander quatschten. Vor mir rauschte im Minutentakt eine Achterbahn in ihren Bahnhof. Ein paar Leute stiegen ein, wir rutschten nach. Letztens waren mein Freund und ich in einem Freizeitpark. In der prallen Mittagssonne standen wir in der Schlange der Black Mamba, einer Hängeachterbahn. Noch zehn Leute vor uns, also ziemlich genau eine Runde. Ich ließ den Blick in meiner Langeweile schweifen und schaute mir an, wer noch so in der Reihe stand.
Unmittelbar vor uns war eine Familie: Mutter, Vater, zwei Jungs, der eine vielleicht 13, der andere 10, vermutlich. Beide Eltern Ende 30. Ich sah ihnen die Rollenverteilung im Freizeitpark deutlich an: Vater und Söhne freuten sich auf Action, die Mutter lief ihnen zuliebe mit. So ähnlich war es früher bei mir auch.
Ich drehte den Kopf und blickte mich um. Etwas weiter hinten wartete ein Pärchen, beide etwa Ende 40, keine Kinder. Sie wirkten frisch verliebt und gut gelaunt. Die typischen Parkdraufgänger, die jedes Fahrgeschäft mit Adrenalin mitnehmen und ordentlich auf die Kacke hauen. Von denen es aber nur wenige gibt, denn viele in dem Alter machen das irgendwie nicht mehr. Sie fühlen sich zu alt.
Und mittendrin mein Freund und ich: Irgendwo zwischen Familie und alternden Draufgängern. Denn, zugegeben, wir waren auch über dem klassischen Altersdurchschnitt. Und während ich da so stand und beobachtete, gingen mir zwei Fragen durch den Kopf: Wann werden wir erwachsen - zu erwachsen für Freizeitparks - und, viel wichtiger, woran merken wir das eigentlich?

Früher war das alles einfacher: Man hat die Schule fertig gemacht, mit 16 spätestens eine Ausbildung angefangen und war somit erwachsen. Ein Bruchteil der Jugendlichen hat Abitur gemacht, noch weniger haben studiert. Laut Statistischem Bundesamt machten 1960 noch 6 von 100 Schülern ihr Abitur, 2003 waren es 24 von 100, die Zahl der Studenten hat sich seitdem mehr als versiebenfacht, wie Die Welt berichtet. Früher waren die Lebensumstände also noch anders. Es wurde früh geheiratet und die ersten Kinder kamen, als die Frauen Anfang 20 waren. Und bei der Berufswahl entschieden die Eltern noch mit. Das bedeutet, junge Leute standen zwischen dem 16. und 20. Lebensjahr auf eigenen Beinen, hatten sich selbst zu versorgen und viel mehr Verantwortung.

Schauen wir uns mal 16-Jährige heute an. Sie gehen in den meisten Fällen noch zur Schule. Ein wesentlich kleinerer Teil als früher hört nach der zehnten Klasse auf. Abiturienten also, die rund ein Drittel der Bevölkerung ausmachen, gehen bis zur zwölften oder dreizehnten Stufe in die Schule. Ein Teil davon studiert anschließend. Heißt, sie sind frühestens mit etwa 22 mit ihrer schulischen Ausbildung fertig. Die meisten Studenten sind dann aber Mitte 20, das ist zumindest mein Eindruck. Und mal abgesehen vom Alter können junge Menschen frei entscheiden, welchen Beruf sie ausüben wollen - und sich entsprechende Qualifikationen aneignen. Natürlich gilt das nicht nur für den Beruf, sondern für alles im Leben: Sie können ihren Partner frei wählen, ihren Wohnort (wenn man mal die Mietpreise außen vor lässt) und wie sie leben wollen.

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Und das ist natürlich gut so. Es bringt aber eben mit sich, dass viele ihre Jugend so lange beibehalten wollen wie möglich. Weil sie schön war und ist. Weil Verantwortung zu viel sein kann. Wir haben die Chance, so zu leben wie wir wollen? Dann machen wir das auch. Das könnte zumindest ein Grund sein, warum junge Menschen nicht erwachsen werden - sie müssen nicht.

Ein anderer Punkt ist aber, dass Erwachsen sein eine Entscheidung ist. Oder viel mehr die Entscheidungen im Leben dazu führen, dass wir erwachsen werden. Wir heiraten? Dann haben wir Verantwortung für einen anderen Menschen. Sind also Erwachsen. Wir bekommen ein Kind? Dito. Wir ziehen in eine eigene Wohnung? Verantwortung für zwei Zimmer, Küche, Bad. Erwachsen. Also entscheiden sich viele, keine Entscheidung zu treffen. Sie teilen sich die Wohnung lieber mit anderen in einer WG, leben in lockeren Beziehungen und lassen sich treiben. Kurzum: Sie vermeiden also jede Entscheidung, die einen einschränken könnte - und somit erwachsen werden lässt. Schließlich heißt Erwachsen sein nichts anders als: Festlegen auf eine Option. Und sich damit abfinden.

Ich möchte mich davon gar nicht ausschließen. Ich merke selbst, dass es mir zum Erwachsen sein an einigem fehlt. Aber diese Entwicklung der ewigen Jugend bringt auch einige Probleme mit sich. Das größte ist wohl die biologische Uhr. Klar kann man mit Ende 30 sagen: "Ich fühl mich nicht bereit für ein Kind." Aber früher oder später kommt der Punkt, an dem das mit dem Kinderkriegen nicht mehr klappt. Auch so Sachen wir Altersvorsorge oder Immobilienkauf werden mit jedem Jahr schwerer, weil man mehr oder länger Geld zurück legen muss. Und je später man arbeiten geht, desto länger muss man ranklotzen, bis man in Rente gehen darf. Treiben lassen schön und gut, aber das hat Grenzen.

Deshalb bin ich ja für eine Zwischenlösung, die Mischung aus beidem. Auf der einen Seite die Steuererklärung machen, auf der anderen Seite den Hauskauf aufschieben. Auf der einen Seite die Wohnung sauber halten, auf der anderen Seite am Wochenende wild feiern gehen. Oder auf der einen Seite in den Freizeitpark gehen und sich auf der anderen Seite Gedanken übers Erwachsen werden machen.

In den nächsten Wochen erscheinen unregelmäßig weitere Teile der Serie "Grow up". Dabei geht es um das Erwachsen werden in verschiedenen Facetten. Viel Spaß beim Stöbern!

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